Köln-Ehrenfeld im Spätsommer: #reclaimyourstreet !

Statt Motorenlärm ertönt Geplapper, Geklapper und Gesang zwischen den Häuserzeilen Ehrenfelds. Was ist denn da los? Die Ehrenfelder kriechen aus ihren Wohnungen und erobern sich ihre Straßen!

Früh morgens um 8 Uhr, die Sonne scheint und die Straßen sind abgesperrt, so manches Auto wird per Schlepper abtransportiert und meine zwei Halbstarken brettern auf ihren Rollern mit einem Affenzahn zum Bäcker, Mama hechelnd hinterher. Ein absolutes Novum in der Marienstraße – der fahrradUNfreundlichsten Straße Ehrenfelds, wenn nicht sogar ganz Kölns!

Straßenwohnräume werden eingerichtet und dekoriert, eine Wanderbaumallee[1] in Stellung gebracht, Brettspiele aus verstaubten Packungen befreit, Limonade aufgetischt, Schautafeln angebracht, Fahrradsymbole auf die Straße gemalt, und noch vieles mehr. Ein historischer Tag kündigt sich an, denn heute, am 15. September 2019 werden rund 150.000 Besucherinnen und Besucher in „Ehrenfeld hinterm Gürtel” gemeinsam den Tag des guten Lebens feiern!

Erstmal aber frühstücken wir gemütlich, bevor wir gegen 11 Uhr neugierig die zweite Runde durchs Veedel starten. Inzwischen ist schon deutlich mehr los. Einmal ums Eck und wir treffen auch schon auf die erste Bekannte, die mit einer Freundin bereits einige Straßenzüge durchforstet hat.

Das Gelände ist thematisch eingeteilt in die Bereiche 1) alternative Mobilität, 2) Ernährung & Essbare Stadt Köln, 3) Globales Engagement & fairer Handel, 4) Demokratie & Bürgerbeteiligung sowie 5) Energie & Umwelt. Außerdem gibt es Konzerte, Aktionen, Bastelmöglichkeiten und noch so viel mehr. Also rein in die Meute.

Während meine Familie schon fleißig absahnt, Obst gegen Müll am Kaffeestand von PLASTIC2BEANS, Glücksrad drehen und Bälle werfen beim Weltladen Köln, unterhalte ich mich mit Leonie vom Ehrenfelder Verein Nomadenhilfe e.V. . Der Verein entwickelt Projekte in Tibet und Buthan. Beispielsweise baut er Grundschulen auf, unterstützt Schüler und Studenten über ein StipendiatInnenprogramm und kümmert sich um den Aufbau einer medizinischen Grundversorgung. Zudem trägt der Verein sein Wissen in Grundschulen und KITAs, die wiederum über Spendenläufe oder Basare Spenden für die tibetischen Schulen generieren. Lustigerweise stellt sich in unserem Gespräch heraus, dass Leonie Sinologie-Studentin und Mama ist. Und da sie noch nicht so ganz genau weiß, wohin die Reise mit dem Chinesisch-Studium geht, erzähle ich ihr auch von meinem eigenen Werdegang als Ostasienexpertin und Mutter.

Inzwischen lässt sich eins meiner Kinder das Gesicht von der Frau vom Mukta Nepal e.V. bemalen und das andere sitzt auf Papas Schoß und schiebt sich die geschenkte Banane in den Mund.

Im Vorbeischlendern bestaunen wir danach die stylischen Klamotten von LooksLikeAvido und begeben uns so langsam wieder Richtung nachhause, denn unser Jüngster reibt sich verdächtig die Augen. Unterwegs kommt uns eine bunt-zusammengewürfelte Marching Band entgegen. Der kleine Mann ist wieder hellwach und tanzt vergnügt mit.

Am Alpenerplatz lockt uns der STADTRAUM 5und4 e.V. mit XXL-Memory-Karten an seinen Stand und wir erfahren so einiges über die Visionen, die sich hinter dem Motto: „So wollen wir wohnen!“ verbergen. Dahinter steckt das Konzept einer Genossenschaft, die bezahlbare und solidarische Wohnformen und Quartierskonzepte erarbeitet und realisieren möchte. Mutter und Tochter liefern sich ein hartes Memory-Battle. Wer gewinnt ist eh klar, das Kind rauscht stolz mit seiner Trophäe, eine Packung Kreidestifte, ab. Mutter schnappt sich noch schnell einen Flyer und eilt der Familie hinterher.

10 Meter weiter taucht schon wieder ein bekanntes Gesicht auf: diesmal ist es die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Rasch mache ich Paparazzi-mäßig ein Foto, zumal mir die Botschaft, die sie in der Hand hält, wichtig ist: Unser Europa rettet. Der Sea-Eye e. V. rettet mit seinem Schiff ALAN KURDI Flüchtende aus seeuntüchtigen Booten im Mittelmeer.

Oberbürgermeisterin Henriette Reker auf dem Tag des guten Lebens in Köln Ehrenfeld

Nach einer ausgedehnten Mittagspause ist der kleine Mann wieder fit und wir ziehen weiter. Diesmal knöpfen wir uns den Block Energie und Umwelt vor. Coole Tüfteleien und Workshops gibt es bei der Dingfabrik, einem Ehrenfelder Fabrication Laboratory, kurz FabLab, Hackerspace und Repaircafé, zu entdecken. Dort wird beispielsweise ein Stück Karton mit Bauteilen eines MP3-Players zur „Musikpappe“ umfunktioniert. Unsere Tochter bemalt inzwischen Holzdreiecke, das werden Schlüsselanhänger, die sie uns schenkt, damit wir uns jeden Tag an das tolle Event erinnern können.

Neben den zahlreichen Ständen rund um Erneuerbare Energien und Klimaschutz richte ich meine Aufmerksam auf einen kleinen Verein Namens Querwaldein e.V.. Janka, Kunst- und Naturpädagogin, stellt mir die verschiedenen Projekte vor, die sich vorwiegend an Kinder richten und außerschulische Umweltbildung beinhalten. Ich frage mich, nicht ganz uneigennützig, durch die einzelnen Angebote. Beispielswiese bietet der Verein sogenannte GartenClubs an, in denen Kinder und Erwachsene an einem festen wöchentlichen Termin in strukturschwächeren Stadtteilen Kölns froh drauflosgärtnern können. Einer davon liegt direkt neben der Kita unseres Sohnes. Auch die Ausflüge in nahe Wälder mit dem Titel „Stadtnaturforscher*innen“ kann ich mir prima für unsere Kita vorstellen.

Was wir sonst noch so alles erlebt haben? Unsere Tochter hat ihr erstes Graffiti-Painting gemalt. Papas Favorit waren zwei Typen, die in ihrer Einfahrt ein DJ-Pult aufgestellt haben, um knackige Electro-Beats in die Ohren der Passanten zu feuern. Der Sohnemann staunte nicht schlecht über die laufende Monsterkartoffel mit Brille aka Liesbert. Und Mama kann ihr Glück kaum fassen, als um 16:30 Uhr plötzlich Tango-Martin anrief, weil jetzt sofort vor unserer Haustür eine echte argentinische Tango-Band auftritt! Das lässt die Tangomuddi natürlich nicht zweimal sagen. Sie lässt alles stehen und liegen und hat nur noch ein Ziel vor Augen! Tatsächlich, da sitzen vier Musiker umringt von einer interessierten Menschengruppe, zwei, drei Tanzpaare inklusive. Das Cuarteto Conurbano, wie ich später erfahre, tourt gerade durch Europa und macht Zwischenstopp in Köln-Ehrenfeld. Die vier Jungs aus Buenos Aires interpretieren klassischen Tango Argentino mit Gitarre, Bandoneon, Cajon und Bassklarinette. Natürlich dreht die Tangomuddi zusammen mit dem Tangovati ein paar Achten, während sich die Kinder klammheimlich aus dem Staub machen. Zum Glück haben wir die zwei am Stand direkt daneben wiedergefunden, auf die große Schwester ist eben Verlass.

Abschließend möchte ich sagen, dass ich absolut begeistert bin über die Vielfältigkeit an Aktionen, Ideen und Menschen, die ich an diesem Tag gesehen habe. Außerdem freue ich mich, dass die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mir ist bei dieser Gelegenheit aber auch bewusst geworden, dass es viele Themen gibt, die in unmittelbarer Verbindung zum Klimaschutz stehen. Beispielsweise die Seenotrettung oder die frappierende Armut in den Entwicklungsländern.

Für das nächste Mal, nehme ich mir vor, den Tag aktiv mitzugestalten. Wie wär’s denn mit einem Tango-Flashmob oder chinesische Schriftzeichen malen oder … Was habt ihr denn so für Ideen?


[1] Vier Module mit drei Bäumen und einem Kräuterbeet wurden am Tag des guten Lebens durch Ehrenfeld geschoben und bieten seither in einer Seitenstraße Aufenthaltsmöglichkeit für die Anwohner*innen

  1. Liebe Tangomuddi, gefühlt war ich mit euch unterwegs. Für Freiberg wäre so ein Tag auch nciht schlecht. Liebe Grüße von mir und meinen Balkontomaten, sie versuchen immer noch, rot zu werden.

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