Bewegte Zeiten – Teil 4

Nach einer ausgedehnten Spätsommerpause möchte ich Euch heute wieder mal auf eine Reise mitnehmen. Sowohl eine geografische als auch auf eine Art Zeitreise. Ankunftsort ist Hongkong. In Peking wird Hongkong Xiang Gang genannt, was übersetzt „duftender Hafen“ bedeutet. Was Peking zu sagen hat, hört derzeit in Hongkong jedoch kaum einer gern. Seit Juni gehen die Bewohner Hongkongs auf die Straßen, um für ihre demokratischen Grundrechte zu demonstrieren. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten wiederholen sich, inzwischen wurden knapp 1400 Festnahmen verzeichnet. Die Demonstranten fordern den Rücktritt der Hongkonger Regierungschefin, eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt, eine Amnestie für die Festgenommenen sowie freie Wahlen. Die Berichte der Medien rufen Erinnerungen wach an meine eigene Hongkong-Zeit, die allerdings schon etliche Jahre her ist.

Im September 2004, nach zwei Jahren Chinesisch-Grundstudium, besteige ich den Flieger in Frankfurt und verlasse ihn in Hongkong. Der „Chek Lap Kok“ – Hongkong Airport – ist ca. 40 km vom Stadtzentrum entfernt. Eine Hochgeschwindigkeitsbahn bringt mich innerhalb von 30 Minuten vom Flughafen ins Stadtzentrum. Sie schlängelt sich durch dicht aneinandergereihte Hochhäuserblocks. Gut sieben Millionen Einwohner leben in der ehemalig britischen Kronkolonie auf rund 1000 Quadratkilometern.

Chinas duftender Hafen hält einen feucht-schwülen Empfang bereit. Eine glitschige Schweißschicht befällt meine Haut, als ich die Stadtluft betrete. Mit der immensen Luftfeuchtigkeit einher geht eine fulminante Duftkomposition aus Garküche, reifen Orchideen und Abgasen. Dichtes Menschengedränge, endlos rauschende Verkehrszüge, gigantische Wohnblöcke, der Herzschlag dieser Stadt pulsiert auf Hochfrequenz. 

Es verschlägt mich in ein Zimmer irgendwo zwischen dem 3. und 17. Stockwerk der Chungking Mansions, ein heruntergekommener Wohnkomplex aus den 60ern. Die Chungking Mansions ist die Backpacker Adresse Hongkongs. Ihre günstigen Zimmer und die kulturelle Vielfalt locken Low-budget-Touristen aus aller Welt. Wie ein überdimensionierter Ameisenbau im Herzen der Stadt beherbergt sie seit Jahrzehnten Menschen aller Herren Länder. Die Ausstattung meines Zimmers: ein Bett, ein Ventilator und eine winzige Flimmerkiste. Vier vergilbte Wände ohne Dekoration und ohne Fenster. Über mir, indische, pakistanische und nepalesische Restaurants, weitere Guest Houses, Wohnungen. Unter mir, Reisebüros, mehr Wohnungen, Schlüsselmacher, Stoffverkäufer, afrikanische Elektronikwarenhändler und Rolex-Dealer, Nachtclubs.

Ich werfe mich aufs Bett und schließe meine Augen. Tiefer Schlaf übermannt mich und für einige Minuten, oder sind es Stunden, vergesse ich, dass ich in einer fensterlosen Schuhschachtel im Kommerz-Moloch Hongkong liege. Als mich das Rattern der Klimaanlage weckt, knurrt mein Magen und ich verlasse schnell meinen Unterschlupf. Draußen ist es bereits dunkel. Reklametafeln und Schriftzeichen flimmern in schillernden Farben die Häuserfassaden entlang. Auf den Straßen wuseln Menschen weiter emsig von A nach B.

Durch die Chungking Mansions mit Christopher Doyle, Kamermann von Wong Kar Wais „Chungking Express“ (Quelle: South China Morning Post)

Kleine Köstlichkeiten, die das Herz berühren

Ich dränge mich an den Rolex-Verkäufern und Elektronik-Shops vorbei und lasse mich von der Menschenmasse treiben. An glitzernden Shopping-Malls entlang, zweige ich in einer etwas dunkleren Seitengasse ab und entdecke eine kleine Kantine. Hier lasse ich mich nieder und atme für einen kurzen Moment auf. An den Tischen neben mir sitzen Familien, Jugendliche, ganz gewöhnliche Bewohner Hongkongs. Der Raum ist hell beleuchtet. Plastiktische und Stühle sind im Raum verteilt. Glücklicherweise sind die Gerichte bebildert. Am Tresen zeige ich auf einen Teller Teigtaschen und nicke mit dem Kopf. Die mir servierten Köstlichkeiten, DimSum, sind so zart, dass sie mir fast wie von selbst von der Zunge in den Hals flutschen. Sie schmecken formidabel und „berühren das Herz“, so die wörtliche Übersetzung.

Kurze Zeit später gehe ich zum Hafen. Vorbei am Operngebäude, auf die Sternchen-Promenade zur sagenumwobene Lichtershow, welche die Wolkenkratzer auf der anderen Seite des Victoria Harbour funkeln lässt. Ich setze mich auf einen freien Platz einer der Promenadenbänke und verfolge die neonfarbigen Lichter, die in verschiedener Anordnung mal horizontal, mal quer oder auch überkreuz die Häuserfassaden der gegenüberliegenden Bankentürme auf- und ab flackern. Ich bin nicht die einzige Touristin die das Spektakel verfolgt. Im Jahr 2019 versammeln sich genau hier, am Hongkonger Hafen statt der Touristen zahlreiche Demonstranten. Fürs erste habe ich genug erlebt und ziehe mich zurück in meine dunkle Kammer.

Am nächsten Tag habe ich viel zu tun. Zunächst will ich mir ein Visum für China besorgen. Hongkong bietet die Möglichkeit völlig unkompliziert für vergleichsweise wenig Geld innerhalb von 2 Tagen ein einjähriges Studenten-Visum zu kaufen. Wieso ich mir kein Visum in Deutschland geholt habe? Weil die chinesische Botschaft dort nur universitätsgebundene Visa erteilt, oft von wesentlich kürzerer Gültigkeit. Das macht mein Hongkong-Visum auch so wertvoll. Denn dadurch habe ich die Möglichkeit, mir verschiedene Universitäten anzuschauen und mich in Ruhe zu entscheiden, für welche Kurse an welcher Uni ich mich letztlich einschreibe.

Anschließend ergatterte ich das Zugticket nach Guangzhou, Festlandchina. Gar nicht so einfach, bei dem Durcheinander am Bahnhof. Später fahre ich mit dem Schiffstaxi auf die gegenüberliegende Insel und verbringe den Abend in einer der zahlreichen Expats-Bars mit ein paar Studenten, die ich im Flugzeug kennengelernt habe. Früh am nächsten Morgen geht es mit dem Taxi durch den Unterseetunnel zurück ins Guest House. Schlafen.

Nachdem ich mein Hab und Gut verstaut habe, hole ich am dritten Tag mein Visum ab und steige in den Zug nach Guangzhou. Dort wohnt die Familie einer chinesischen Freundin, die ich noch aus Frankreich kenne. Meine Freundin empfängt mich gemeinsam mit ihren Eltern am Bahnsteig. Wir fahren mit dem Auto durch die Stadt. Die Fassaden unterscheiden sich in nichts von all den anderen Retortenstädten Chinas, die in den letzten 20 Jahren aus dem Erdboden geschossen sind. Eine Aneinanderreihung riesiger Wohnsilos, hier und da um westliche Stilelemente erweitert, welche die Modernität der Stadt architektonisch untermauern sollen. Wenig Grün, dafür jede Menge Verkehr.

Angebliche Köstlichkeiten, die den Magen umdrehen

Der Vater meiner Freundin ist Direktor einer namhaften Schule Guangzhous. Dieses Amt bringt Verpflichtungen mit sich. Gerade wenn sich die alljährliche Einschulungsfrist nähert, mehren sich die Einladungen zu abendlichen Diners. Auch an dem Abend meines Besuchs. Die deutsche Studentin wird kurzerhand mit eingeladen. Wir landen in einem Gourmet-Restaurant. Viele große runde Tische mit einer Drehscheibe in der Mitte. Drumherum, Chinesen in Anzügen. Die Gerichte werden nebeneinander auf die Drehscheibe platziert. Die Scheibe wird während des Mahls im Uhrzeigersinn bewegt. Mit etwas Glück, hält die sie gerade dann, wenn etwas Genießbares vor der eigenen Nase steht. Ich schnappe mir ein Stück Fleisch und hoffe, dass es mir nicht gleich von den Stäbchen rutscht. Hin und wieder legt mir jemand ungefragt etwas auf den Teller. Meine Kommilitonin klärt mich auf: ein Zeichen von Gastfreundlichkeit. Delikatessen wie BaoYu, also Seeschnecken, oder JiaYuTang, Schildkrötensuppe lasse ich lieber an mir vorbeiziehen. An das herzhafte Schlürfen und Schmatzen gewöhne ich mich. Je mehr Geräusche, desto besser schmeckt das Essen angeblich.

Nach dem Essen gehen wir in eine Karaoke Bar. Die Anzugträger sind schon längst nicht mehr nüchtern. Wir schon. Die Gruppe bekommt eine Kabine zugewiesen. Um die Getränke kümmern sich hübsche Chinesinnen. Meine Freundin und ich wohnen dem Gelage eine Zeitlang bei, aber irgendwann wird es uns zu bunt. Der Vater wird heute Nacht ohnehin in einem Extra-Apartment übernachten. Das bekommt er von der Schule bereitgestellt, denn tatsächlich sind die abendlichen Einladungen zu Speis und Trank, die häufig einen hohen Alkoholverzehr beinhalten, Pflichtprogramm in seinem Job. Neben der geringen Zeit, die ihm dadurch für seine Familie bleibt, leidet auch sein Gesundheitszustand unter diesem Lebenswandel, erklärt mir meine Freundin später.

Am nächsten Tag werde ich dann wieder zum Bahnhof begleitet. Dort geht die Reise weiter nach Kunming, Yunnan. Die Stadt, in der ich die nächsten zwei Jahre verbringen werde.

Eingezwängt auf einer Pritsche entlang nie enden wollender Reisfelder

Ich fahre mit dem Schlafzug. Mein Bett ist das mittlere von dreien übereinander in einer sechser Kabine. Mein Glück, wie ich später feststelle. Im obersten Bett kann man sich nicht aufrecht setzen und das unterste Bett wird ungefragt von allen möglichen Passagieren, die in unsere Kabine kommen, als Sitzgelegenheit genutzt. Ich liege in meinem Bett und starre durch das große Fenster. Städte und Dörfer, Berge und Ebenen, Reisterrassen und Felder ziehen an mir vorbei. Ich starre meine Mitreisenden an. Sie sitzen zu dritt oder viert unter mir, knacken entweder Sonnenblumenkerne, schlürfen Fertigsuppe aus dem Plastikbecker oder trinken heißes Wasser aus der Thermoskanne. Immerhin raucht keiner. Ich versuche den Gesprächen zu folgen. Bekomme Fragen gestellt. Nach ein paar Worten über meine Herkunft und über meine Pläne für China lassen mich meine Kabinenmitglieder freundlicherweise wieder in Ruhe. Zeit zu lesen oder zu schlafen oder die Kabine zu verlassen. Ich laufe durch ein paar Waggons und beobachte abteilweise verschiedene Varianten des Zeittotschlagens: Karten spielen, Bier trinken, kuscheln, streiten, schlafen, sticken, immer begleitet vom Rattatatam der Zugräder auf den Gleisen.

Dass ich gerne mit dem Zug reise, habe ich bereits in einem vorherigen Bericht erzählt. [1] Auch in China reise ich gerne mit dem Zug. Viel lieber als in Bussen. Hauptsächlich, weil man sich die Füße vertreten und die Toilette aufsuchen kann, wann immer man möchte. Das geht beispielsweise in den chinesischen Schlafbussen überhaupt nicht. Zwar reist man da ähnlich dem Zug, übereinandergestapelt, jedoch auf wesentlich engeren Pritschen. Pipipause alle paar Stunden. Immerhin, sobald es dunkel wird, ist draußen nichts mehr zu sehen, und man schläft tatsächlich ein. Übrigens, die Chinesen selbst sind wahrscheinlich auch keine allzu großen Busfreunde. Auf meinen späteren Busreisen hat immer wieder mal jemand kurz das Fenster geöffnet, um sich mit bleichem Gesicht um seinen oder ihren Mageninhalt zu erleichtern. Beim nächsten Stopp hatten die Busfahrer routinemäßig einen Wasserschlauch parat und befreiten ihr Gefährt mit Hochdruck von den halbverdauten Essenresten.

Zurück in meiner Schlafkabine, lege ich die Füße hoch, entspanne mich und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Endlich. Zwar bin ich immer noch nicht angekommen, aber auf dem richtigen Weg: Nächster Halt sind zwei spannende und erfahrungsreiche Jahre in China. Schon der weise Konfuzius empfahl: „志于道“(zhì yú dào) [2] – „Richte Deinen Willen auf den Weg!“

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[1] Bewegte Zeiten Teil 1

[2]Konfuzius: LUNYU 7.6.

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