Ferienzeit

Das heißt nicht arbeiten. Nein, nicht einmal daran denken! Nicht mal im Ansatz und auch nicht im Traum! Zugegeben, so ein hehres Ziel lässt sich nur sehr schwer in die Tat umsetzen. Um den Absprung zu schaffen, haben wir dieses Jahr einen Sprung ins kalte Wasser gewagt. Am allerersten Ferientag brausten wir, bepackt mit unseren sieben(tausend) Sachen, 7 Uhr morgens in den Osten der Republik. Sieben Stunden später erreichten wir bereits unser Urlaubsziel.

Wohin ging die Reise?

Hierzu ein Rätsel: Wer trinkt Gurkenbrause und schleckt gerne Gurkeneis? Wo mischt sich berlinerisch, sorbisch und wendisch? Auf welchen Dorfstraßen wird gestakt anstelle zu fahren? Was ist ein Gurkenflieger? (1) Wo gelten Schlangen als Glücksbringer und zieren die Dachgiebel? (2) Und wo wird zu Karneval, äh, Fastnacht, nicht gebützt, sondern gezampert? (3)

Ganz genau, im Spreewald. Wir haben unsere Anfahrtszeit im Vergleich zum vorherigen Jahr in Südfrankreich drastisch gekürzt, um die Natur sowie unsere Nerven zu schonen. So sind wir diesmal mit unserem Zelt nach Brandenburg gefahren, besser gesagt gegurkt, um im Fachjargon zu bleiben.

Die Abgewöhnung vom unermüdlichen Schaffensdrang verläuft in mehreren Etappen. Während der Autofahrt fahren auch die Gedanken rund um Kita, Büro, Blog und allen möglichen zukünftigen Projekten noch Achterbahn. Angekommen vor Ort verdrängen Aufbau- und Einräumungsaktivitäten zunächst jegliche weitere publizistische Betriebsamkeit. Am zweiten Abend dann der Rückfall. Mann und Kinder schlafen fest und mein Rechner lächelt mich treuselig an. „Klapp mich auf“, flüstert das hinterhältige Miststück heimtückisch in mein Ohr. „Los, werf mich schon an.“ Ok, ok, nur ein Stündchen…

Aber am dritten Tag dann, die Kinder hatten inzwischen Freundschaften mit den Nachbarskindern geschlossen, ist es überstanden und der wohlverdiente und langersehnte Urlaubsmodus stellt sich ein. Auf einen entspannten Tag voll Müßigganges und Bummelei, ein paar Glas Wein, folgt: tiefer, erholsamer Schlaf.

Bereits am vierten Tag wagen wir uns auf unsere erste Exkursion ins Umland. Auf einem traditionellen Holzkahn lassen wir uns 2 Stunden lang durch die Fliese der Spree schippern und von den Geräuschen der Natur und dem Monolog des Fährmanns berieseln.

Und am fünften Tag sind wir voll und ganz auf unserem Campingplatz im Spreewald angekommen.

Camping for Future

Was mir erst jetzt auffällt: der Campingplatz trägt deutlich nachhaltige Züge. Die Dächer der Sanitärhäuser zieren Photovoltaikpaneele und alle paar Meter taucht ein Komposthaufen auf. Camping-Urlaub ist ja eh schon ökologisch, und jetzt sind wir hier sogar auf einem umweltfreundlichen Camping-Platz gelandet? Als mir das bewusst wird, stellt sich mir die Frage, wo der Antrieb für so viel Umweltbewusstsein herkommt. Ich setze mich mit der netten Dame, die vormittags immer mit den Kindern bastelt, in Verbindung und habe prompt die richtige Person erwischt. Sie heißt Anette und führt seit 2015 zusammen mit ihrem Sohn Alexander das Eurocamp Spreewaldtor. Der gebürtige Paderborner Alexander hat seine kaufmännische Ausbildung bei einer Campingplatzkette absolviert. Das notwendige Know-How aus den Bereichen IT, Elektrik und Sanitärtechnik hat er dabei quasi nebenher mitgenommen. Gemeinsam mit seiner Frau Nicole bereisten sie in der Vergangenheit sämtliche Campingplätze Europas. Als die zwei Nachwuchs bekommen, beschließen sie, sesshaft zu werden. Mutter Anette übernimmt die Kinderanimation und die Öffentlichkeitsarbeit. Vater Siggi beteiligt sich mit seinem Fachwissen zu Elektronik am Campingplatzgeschehen. Ein Familienbetrieb also.

Unsere Tochter hat mittlerweile Bekanntschaft geschlossen mit der Enkelin von Anette. Nachdem sie das Leben ihrer neuen Freundin genauestens begutachtet hat, offenbart sie uns, dass sie nun auch für immer auf dem Campingplatz leben will. Denn neben der unberührten Natur, den vielen Kindern und der guten Luft könnte man sich als kleine Dauercamperin auch einfach mal ein Eis aus dem Minimarkt holen, ganz ohne zu bezahlen! Die beiden Mädels treffen sich von nun ab immer morgens nach dem Frühstück und gehen gemeinsam zu Anettes Bastelstunde von 10 – 12 Uhr. Unser Sohn will da auch unbedingt mit hin. Um die Feuerwehrautos auseinanderzunehmen und um mit dem Bobbycar über den Marktplatz zu flitzen. Genug Zeit für Mama, das Zelt zu kehren und abzuspülen.

Bei einem Interview mit Alexander erfahre ich dann, dass sich die Familie Weber zum Ziel gesetzt hat, den Campingplatz nachhaltig und energieeffizient zu bewirtschaften. Sie setzen auf eine nachhaltige Energieerzeugung und setzen mit einem eigenen Shuttleservice Anreize, das eigene Auto einfach mal stehen zu lassen. Das Ladensortiment wird nach Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit bestückt und zum Teil regional bezogen. Besonders am Herzen liegt der Familie der Erhalt einer guten Grundwasserqualität. Die Gäste werden dazu ermutigt für die Reinigung der mobilen Campertoiletten statt der herkömmlichen Chemiekeulen kläranlagen- und somit umweltverträgliche Sanitärzusätze zu verwenden. Neben der Rücksichtnahme auf die Natur, werden so die Besucher für nachhaltiges Reisen sensibilisiert. Ihre zahlreichen Initiativen belegt die Familie mit dem Label Ecocamping. Deutschlandweit gibt es bereits rund 200 Campingplätze mit dieser Auszeichnung.

Anette erklärt mir, dass das neu errichtete Schwimmbad und die Sauna über ein hauseigenes Blockheizkraftwerk beheizt wird. Das Blockheizkraftwerk wird mit Gas betrieben und erzeugt Strom. Statt die hieraus entstandene Wärme verpuffen zu lassen, wird sie zur Erwärmung von Schwimmbad und Sauna genutzt. Die Stromversorgung der Sanitäranlagen wird außerdem zu 70 % über die auf den Dächern installierten PV-Anlagen gewährleistet. Die PV-Paneele wurden schon 1992 auf die Dächer montiert, als die Gemeinde Groß Leuthen den Campingplatz mithilfe Gelder aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung errichten ließ. Seit der Übernahme durch Familie Weber läuft der Platz, nach eigenen Angaben, richtig gut.

Licht und Schatten

Gleichzeitig hat sich die umliegende Infrastruktur leider nicht ganz in die erhoffte Richtung entwickelt. Nachdem die örtliche Bank aufgrund eines Überfalls samt Sprengung ihre Filiale geschlossen hat, machte auch der Supermarkt dicht, gefolgt von der Fleischerei sowie der einzigen Allgemeinarztpraxis im Umkreis von 15 km. Außerdem befindet sich das Schloss am Groß Leuthener See, welches ehemals ein Kinderheim beherbergte und ein attraktives kulturelles Angebot für die gesamte Umgebung offerierte, mittlerweile in Privatbesitz und ist seither für die Öffentlichkeit gesperrt. Was das für die Bewohner bedeutet, bekommen auch wir recht schnell zu spüren. Für unseren Großeinkauf fahren wir gute 20 Minuten zum nächsten Supermarkt. Eine echte Umstellung für uns infrastrukturell verwöhnten Städter. Und das ist nur eine Baustelle von ganz vielen. Beispielsweise fahren die Groß Leuthener für den Schwimmkurs ihre Kinder bis nach Cottbus. Also zwei Stunden Autofahrt hin und zurück, für eine knappe Stunde Unterricht. Mit dem Resultat, dass die Kinder im Umkreis immer später das Schwimmen erlernen. Nicht gerade optimal in einer Region, wo den Gemeinden das Geld für Bademeister fehlt. Aus diesem Grund hat die Familie Weber kurzerhand einen Schwimmlehrer für zwei Wochen auf den Campingplatz geholt. Natürlich übt die üppige Natur dieser Gegend auch einen einzigartigen Charme gerade auf Touristen wie uns aus. Denn wo findet man in NRW noch einen Badesee ohne Kiosk, Bootsverleih, Wakeboarding, Kinderanimation und weiß der Kuckuck was? Wo kann man schon nächtliche Stille bei glasklarem Himmel ohne LED überfluteten Zeltdekorationen erleben? Wo existiert überhaupt noch so eine überbordende Fülle an Geflatter auf unbewirtschafteten Wiesen und Wäldern?

So gesehen wünsche ich mir einerseits, dass sich dieser wie in der Zeit stehengebliebene Ort seine Eigenarten beibehält und sich touristisch nicht zu sehr entwickelt. Andererseits hoffe ich jedoch sehr stark, dass sich hier bald was tut. Denn damit die Gegend politisch nicht komplett ins Jenseits abdriftet, muss sich die Politik hier dringendst um die Entwicklung und die Zukunftsfähigkeit der Region kümmern.

1) Ein Erntefahrzeug, an dem links und rechts zwei Tragflächen aufgehängt sind, die etwa 30 Zentimeter über dem Boden schweben. Hierauf liegen bäuchlings bis zu 30 Erntehelfer, die die Gurken per Hand pflücken und auf ein Förderband legen, das sie dann in einen Sammelbehälter transportiert. Der Gurkenflieger bewegt sich etwa 1 Meter pro Minute, damit genügend Zeit zum Pflücken der Gurken bleibt.

2) Schlangen suchen das Trockene. Wenn man Schlagen sah, wusste man, dass das Wetter besser wird.

3) Freitag vor Fastnacht ist großes Tanzfest. Am Sonnabend zieht die unverheiratete Jugend kostümiert und tanzend von Haus zu Haus. Sie sammelt, „zampert“, alle für einen Eierkuchen notwendigen Zutaten und Geld. Dabei wird auch das ein oder andere Schnapsglas geleert.

6 Kommentare zu „Ferienzeit

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    1. Hallo Jennie,
      sehr schön und echt geschrieben.
      Wir müssen uns vielleicht nur knapp verpasst haben. Wir sind aus Mecklenburg und waren in diesen Sommerferien das 4. Mal im Eurocamp. Genau aus den Gründen, die du so schön beschreibst und diese Unkompliziertheit die dort gelebt wird, werden wir immer wieder dort einkehren.

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      1. Hallo liebe Melanie,
        vielen Dank für Dein Kompliment. Ich denke wir werden auch wiederkommen. Meine Schwiegeroma wohnt in der Lausitz. Wir haben sozuagen den Besuch der Uroma mit unserem Urlaub verknüpft. Vielleicht sieht man sich ja eines Tages dort. 😉
        Liebe Grüße, Jennifer

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  1. Oh Jennie, ich habe gelacht und bin begeistert!! ein Textfehler: …wo findet man in NRW noch einen Badesee mit…. Ich hoffe, die Zeltplatzbetreiber kriegen deinen Eintrag zu lesen. Liebe Grüße an einem gleich ganz fröhlichen Morgen von Elena

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Elena, lieben Dank für Dein positives Feedback! Und hey, das ist kein Fehler, lies mal nochmal genau durch! 😉 Lieben Gruß, Jennie

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