Bewegte Zeiten – Teil I

Kinder, Jugendliche und Studierende versammeln sich seit Monaten unter dem Motto #FridaysForFuture auf deutschen Plätzen um gemeinsam für den Klimaschutz zu demonstrieren. Die berechtigten Sorgen der Kinder und Jugendliche werden inzwischen von zahlreichen Wissenschaftlern und Eltern mit den Mottos #ScientistsforFuture und #ParentsforFuture gehört und unterstützt.

Die Bewegung ist vor allem deswegen bahnbrechend, weil Klimaschutz endlich dort ankommt, wo er hingehört: in die breite Masse! Denn wer Gunnar Myrdal, ein schwedischer Ökonom und Nobelpreisträger, kennt, weiß, dass 5% einer Gesellschaft reichen, um eine Gesellschaft zu verändern. Einzige Voraussetzung für diese Regel: die 5% müssen gut durchmischt sein! Und genau das schafft der Klimastreik der Schüler. Er rüttelte zunächst die Jugendlichen auf und findet inzwischen über die Wissenschaftler und Politiker auch bei den Eltern Gehör. Bis hin zur breiteren Gesellschaft, wie die Ergebnisse der Europawahl und die aktuellen Prognosen zur Bundestagswahl zeigen.

Klimaproteste hin oder her, Demonstrationen alleine verändern die Lebensgrundlage unseres Gesellschaftssystems noch lange nicht. Konsequenz im Alltagsleben ist gefragt. Ansätze gibt es mittlerweile ziemlich viele und es ist gar nicht notwendig, alle zur Perfektion zu befolgen. Dabei würde man sich nur wahnsinnig machen. Es ist schon klasse, klein anzufangen. Der bewusste Verzicht auf allzu viel Plastik im Haushalt oder die Verwendung von ökologischeren Alternativen zu gängigen Waschmittelprodukten sind schon ein super Start hin zu einem nachhaltigeren Lebensstil. Wer wissen will, womit er / sie selbst beginnen kann, schaut einfach mal auf meiner Lieblings-Nachhaltigkeits-Seite „Finding Sustainia“ vorbei.

Bei meinen Überlegungen ist mir aufgefallen, dass mir persönlich der Nachhaltigkeitsgedanke eigentlich schon mit in die Wiege gelegt wurde. Da meine Eltern am eigenen Leib erfuhren, was es bedeutet, mit wenig auszukommen, lebten sie auch ihren Kindern Ressourceneffizienz ganz selbsterständlich und tagtäglich vor. Der Vater in der Nachkriegszeit als Flüchtling aus Polen, die Mutter, als eines von acht Kindern und noch dazu ein Mädchen, in einem nur wenig ergiebigen Landwirtschaftsbetrieb. Da war es logisch, dass auch wir Kinder in Fortführung der Geschichte unserer Eltern, von klein auf zu Achtsamkeit und Sparsamkeit erzogen wurden. Klar hat uns die Knauserigkeit unserer Eltern manchmal ziemlich genervt. Beispielsweise, wenn die Nachbarskinder mit den neuesten Glitzerkleidern, tonnenweise Barbies und unfassbar viel Süßkram auftrumpften, während wir mal wieder die etwas abgerockten Klamotten vom Kleiderbasar und einer einzigen Barbiepuppe ankamen. Aber ehrlich gesagt, ich konnte Barbies sowieso nicht leiden. Wir waren eh am liebsten draußen in der Natur, wo wir im Wald oder auf der Wiese die tollsten Abenteuer erlebten.

Rückblickend kann ich sagen, dass mich meine Eltern durch ihre Strenge und die wirtschaftlichen Umstände unglaublich stark und unabhängig gemacht haben. Und darum geht es auch im Folgenden, um unabhängiges Reisen auf eine nachhaltige Weise.

Schon, oder vielleicht auch gerade Kinder und Jugendliche führen oft einen nachhaltigeren Lebensstil, vor allem deswegen, weil sie gar nicht so viel Geld für Luxus zur Verfügung haben, und auch nicht brauchen. Denn mal ehrlich, was ist spannender, eine sechsstündige Autofahrt angegurtet auf dem Rücksitz mit genervten Eltern am Steuer, die einen ständig zur Ruhe ermahnen oder eine ebenso lange Zugfahrt, mit offenen Augen und auf eigene Füße gestellt? Nur so viel vorab, die spannenderen Geschichten hatten wir zu erzählen, nachdem wir auf eigene Faust unterwegs gewesen waren:

Als vierzehnjährige, mit dem zwei Jahre jüngeren Bruder im Schlepptau, wagten wir uns auf eine Bahnreise, um unsere große Schwester in der Metropole aufzusuchen. Der proviant-befüllte Rucksack bescherte uns zunächst eine abwechslungsreiche Zugfahrt. Rätsel lösen, Stullen schlemmen, aus dem Fenster starren. Wäre da nicht dieser kurze Zwischenstopp gewesen. Zehn Minuten. Reicht garantiert um sich flink ein Heftchen vom Kiosk zu holen. Der kleine Bruder war sofort überzeugt und schon standen wir zwei Halbstarken vor einer schier unermesslichen Auswahl an bunten und glitzernden Illustrierten. Nehmen wir lieber die Zeitschrift mit dem ultrariesigen Pferdeposter, die Bravo oder das Magazin mit den Flusskrebsen zum selber züchten? Die brüderlichen Vorlieben waren der Entscheidungsfindung nicht wirklich zuträglich. He Man, Transformers oder Matchbox – ernsthaft ?! Es kam was kommen musste, der Zug fuhr ohne die beiden Kundschafter ab, Gepäck inklusive. Am Ende sind wir wohl doch ungeschoren am Zielbahnhof eingetroffen.

Gebremst hat uns diese Erfahrung wohl nicht, eher hat sie unsere (Aus-)Reiselust noch angefeuert. „Seid Ihr mit dem Schönes-Wochenend-Ticket unterwegs?“, war DIE Zauberformel, um als Teenager mit wenig Geld weite Strecken zurückzulegen. Und dazu eine gefällige Form der Kontaktaufnahme, bevor die sozialen Medien direkte zwischenmenschliche Kommunikation sabotierten.

Spontan kommen mir die gelegentlichen nächtlichen Ausflüge in die bayrische Hauptstadt in den Sinn. Ziel unserer vier-köpfigen Girlie-Gang waren die Tempel erlesenster elektronischer Tanzmusik, die wir uns, gefangen in der ländlichen Allgäu-Idylle, unfassbar exotisch ausmalten. „Tschüss, Mama, ich übernachte bei S.“ Dank glitzernden Tank Tops am Leib, Bügeleisen unter den Füßen (a.k.a. Buffalos), jede Menge Spray in den Haaren und Kriegsbemalung im Gesicht fühlten wir uns wie schillernde Diven der Nacht. Dazu ein Bayern-Bahnticket für Fünf und der Reise zu wummernden Bässen und grellen Lichteffekten stand nichts mehr im Wege. Unseren Informationsquellen zu Folge (die großen Brüder, die angeblich in den Schuppen bereits aufgelegt haben) war gerade mal wieder einer DER großen Techno-DJs zu Gast. Ob das so war? Keine Ahnung – meistens endete unser Ausflug jäh an der stoischen Miene unbestechlicher Türsteher. Also Rückzug und ab ins Atomic Cafe, denn da gab es statt uncharmanter Türsteher bequeme Plüschsofas nebst Indie-Pop. Immerhin.

Später fuhr ich mit der Bahn überallhin. Zumindest Europaweit. Nicht nur weil es günstig war und ich viel Zeit im Gepäck hatte. Sondern vor allem, weil es mir Spaß machte, mit der Bahn umher zu tingeln. Aus dem Fenster zu schauen, Gedanken schweifen zu lassen, Sitznachbarn kennenzulernen, Musik zu hören, unabhängig sein, Reiseproviant schlemmen, Kopfstand machen, die Bahn hält viele Abenteuer bereit!

Zum Abschluss von Part I, eine kurze Zug-Anekdote von Tom Waits :

《This is one of the songs that has a train in it. When i was a kid… didn’t seemed that you were able to go anywhere without having to stop at a train crossing. And in fact it happened so often that one night I woke up in the middle of the night and I went to the hallway in my house and there was a train going through the hall. Is true…Not a real train, i mean, it was so deep in there with the train thing.. Showing up my dreams.》

Downtown Train

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5 Kommentare zu „Bewegte Zeiten – Teil I

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  1. Ich weiß noch, wie es in diesen Zügen roch . Und and das Gefühl mit einem mit einer 218er Diesellok gespannten Zug aus der Allgäuer Mobilitätsödnis in die weite Welt zu ziehen, kann ich mich auch noch gut erinnern.

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