Reden ist Schweigen, Silber ist Gold

An diesen freien Vormittagen, wenn die Familie ausgeflogen ist und kein Programm ansteht, versinke ich manchmal in Tagträumen. Manchmal nutze ich die Zeit aber auch einfach um eine Runde zu plaudern. Da die Möglichkeiten für ein gutes Gespräch in einem mit Familie, Arbeit und Hobbies vollgepacktem Leben begrenzt sind, schätze ich diese Zeit umso mehr. Hier und da tauchen oft ganz unverhofft Gelegenheiten für ein schönes Gespräch auf. Klassischerweise im Wohnzimmer bei einer Tasse Tee mit meiner Freundin, oder abends bei einem guten Essen. Während meiner Elternzeit vermehrt an der Strippe, sowie wenn der Nachwuchs ins Lala-Land abgedriftet ist. Während der Kita-Eingewöhnungszeit auch mal im Kitavorraum mit anderen Müttern, die ebenfalls in den Genuss der zunehmenden Unabhängigkeit ihrer Sprösslinge kommen. Beim Sonntagsspaziergang mit meinem Mann, während die Kinder den Spielplatz erobern. Mit meiner Tochter, wenn wir von der Kita heimradeln. Seit meinem Jobeinstieg im Büro mit den Kolleginnen und Kollegen. Mit den Tangofrauen bei einem Glas Sekt nach dem Technikworkshop. Selbst mit dem Nachbarn beim Joggen.

Auch beim Tango kommt es zu Dialogen. Also jetzt nicht die Gesprächshäppchen, die man zwischen Tischen und Stühlen aufschnappt, während man schon eifrig nach einem potentiellen Tanzpartner Ausschau hält. Von wortlosen Dialogen spreche ich, die mittels Bewegung, Rhythmus, Musik, Technik und Körperempfinden ausgetauscht werden. „Tangoleute sprechen ernsthaft nur mit den Beinen,“ so ein passionierter Tangotänzer.[1] Im Tangodialog spielt außerdem die Geschwindigkeit eine nicht zu unterschätzende Rolle. Um die gefühlte Spannung des Flows zu steigern, kann man ganz bewusst das Tempo runterschrauben, bis hin zur absoluten Ruhe, quasi der Gipfel der gefühlten Spannung.

Neben dieser ganz speziellen Art der Konversation sind mir vor allem solche Gespräche wichtig, die sich echt anfühlen und mich gewissermaßen zu meinem eigenen Naturell führen. Gedankenaustausche, die die Vielfältigkeit des Lebens zwischen früher und heute erfahrbar machen. Das können hitzige Diskussionen sein, auch geschwätzigen Plaudereien oder ein ruhiges Zueinanderfinden, vor allem aber ein gegenseitiges Zuhören auf Augenhöhe. Ein Dialog im Fluss, mal auf, mal abschwellend, und wie im Tango manchmal bis hin zur Stille. Denn gerade im Moment des Innehaltens wird das Gespräch, das sich im eigenen Inneren entwickelt, wahrnehmbar.

Worin besteht eigentlich die Essenz für gute Gespräche? Welche Zutaten braucht es, um mit einer anderen Person an den Punkt zu kommen, an dem man sich miteinander verbunden fühlt?

Damit ich jemandem gerne zuhöre, muss erstmal ein Grundinteresse oder eine gewisse Sympathie vorhanden sein. Das ist für mich ganz grundlegend. Passt die zwischenmenschliche Chemie nicht, kann ich mich noch so sehr anstrengen, aus dem Gespräch wird einfach nichts.  Oft verebbt mein Interesse nach drei Sätzen ganz einfach oder die Unterhaltung wird seltsam steif. Es gehört auch eine ordentliche Portion Vertrauen und Mut zu einem guten Gespräch. Sich zu öffnen und aus der Komfortzone herauszubewegen, selbst auf die Gefahr hin, dass man sich dabei angreifbar macht, schafft Verbundenheit. Dazu der Dialogphilosoph Martin Buber: „Wo das Gespräch sich in seinem Wesen erfüllt, zwischen Partnern, die sich einander in Wahrheit zugewandt haben, sich rückhaltlos äußern und vom Scheinenwollen frei sind, vollzieht sich eine denkwürdige, nirgendwo sonst sich einstellende gemeinschaftliche Fruchtbarkeit.“ (Martin Buber, Das dialogische Prinzip)

Ein weiteres Schlüsselelement ist die Empathie. Heißt: zuhören ohne Vorbehalte und mit Wohlwollen für den anderen. Raum geben. Und sich aktiv darum bemühen, die Welt aus der Perspektive des anderen zu betrachten. Eigene Annahmen kritisch in Frage stellen. Quasi Neugierde, Achtsamkeit und Bescheidenheit in einem – im Gegensatz zu Besserwisserei, Ignoranz und Unaufmerksamkeit.

Und noch ein bisschen mehr Theorie: Anerkennung der Gleichwertigkeit und Respekt vor dem Gesprächspartner. Das impliziert vor allem unliebsame Meinungen nicht direkt abzulehnen bzw. abzuwehren, sondern diese in ihrem Kontext wahrzunehmen. Ganz heißes Eisen! Im Klartext heißt das für mich, dem anderen nicht ins Wort zu fallen.  Und sachlich bleiben, statt eine Lappalie mit leidenschaftlichem Pathos zu einer himmelschreienden Ungerechtigkeit aufzublasen. Hier ein Tipp am Rande: Heikle Themen abwechselnd im 10-Minuten-Takt besprechen. Und selbst wenn ich dabei innerlich die Augen bis an den Nordpol verdrehe. Zehn Minuten sind und bleiben zehn Minuten!

Und wozu die ganze Schwafelei? Weil es Menschen gibt, die Zuhören. Menschen, bei denen das alles funktioniert, das Reden, das Zuhören, das gegenseitige Verstehen. Menschen, die versuchen, sich in den anderen hineinzuversetzen, die Welt mit seinen Augen zu sehen – ohne die Situation mit der eigenen zu vergleichen.

Denn der Dialog ist die zentrale Rolle der zwischenmenschlichen Beziehungen. Der entscheidende Ort, an dem aus Erwartungen, Erfahrungen werden. An welchem Ideen zu Erkenntnissen reifen. Wo Gefühle, Gedanken und Intuition mittels Sprache Gestalt annehmen.

Deshalb, lasst uns wieder mehr reden. Klappt die Bildschirme zu und werft die Hirne an! Übrigens, auch meinen Mann habe ich so kennengelernt. Vor der Unibibliothek, als es noch keine Smartphones gab, als man sich noch frech eine Kippe erschnorrte, um ins Gespräch zu kommen.

[1] Arnold Voss „Tango ist eine Diva, die manchmal weint“

Anbei ein schöner Song, der quasi nach Tango schreit.

Present Tense

This dance
This dance
It’s like a weapon
It’s like a weapon
Of self defense
Self defense
Against the present
Against the present
Present tense
I won’t get heavy
Don’t get heavy
Keep it light and
Keep it moving
I am doing
No harm
As my world
Comes crashing down
I’m dancing
Freaking out
Deaf, dumb, and blind
In you I’m lost
In you I’m lost
I won’t turn around when the penny drops
I won’t stop now
I won’t slack off
Or all this love
Will be in vain
Stop from falling
Down a mine
It’s no one’s business but mine
That all this love
Has been in vain
In you I’m lost
In you I’m lost
In you I’m lost
In you I’m lost

2 Antworten auf “Reden ist Schweigen, Silber ist Gold”

  1. Als führender Tangotänzer sollte man lieber mit dem Brustkorb und den Schultern reden… 😉
    Sehr guter Artikel, ich werde mich dran erinnern, wenn ich das nächste Mal wieder in die Betrachtung anderer Tänzer abdrifte.

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