„Kinder, die Rivalen des Tango?“

Tangolehrer würden das vermutlich bejahen. Als ich meinem bei einer Milonga stolz erzählte, dass ich wieder schwanger bin, fiel ihm erst mal die Kinnlade runter. Es sei ihm verziehen. Denn, wie ich im Nachhinein erfahren habe, war ich wohl gerade nicht die einzige seiner Schülerinnen, die ihre anmutige Tangogarderobe in näherer Zukunft gegen wallende Ballonkleider eintauschte.

Glücklicherweise zeichnete sich bei einigen frisch gebackenen Tangomüttern meines Bekanntenkreises schon bald ab, dass Kinder dem Tango nicht unbedingt den Garaus machen. Die eine hat schon drei Monate später wieder fleißig ihr Tanzbein geschwungen. Papa fühlt sich währenddessen bei seiner kleinen Tochter pudelwohl und hat seiner Frau mit den Worten „Tango tanzen kann ich auch noch wenn ich 60 bin“ wohlwollend das Parkett überlassen. Eine weitere Mutti einer drei- und einer einjährigen Tochter habe ich während des letzten Tangoworkshops vor zwei Wochen kennengelernt. Ursprünglich hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann zu tanzen begonnen. Bis die beiden wieder entspannt zu zweit tanzen gehen, wird wohl noch ein wenig Zeit vergehen. Aber bis dahin kann Mama zumindest schon mal wieder an ihrer Technik feilen. Und wie sieht es in unserer Familie aus?

Eine Art Sonderfall würde ich behaupten. Ich habe den Tango nämlich sehr zur Verwunderung meines Mannes zwei Jahre nach der Geburt unseres ersten Kindes entdeckt. Mit einem Tanzpartner, der mir bei der ersten Kursstunde zugeteilt wurde, habe ich die ersten Rückwärtsschritte gewagt. Gänzlich ohne Begleitung habe ich nach ein paar Wochen Kurserfahrung meine erste Milonga riskiert. Und so verhält es sich bis heute. Lediglich mit dem Unterschied, dass sich der Herr des Hauses nach einem Jahr des Murrens kurzerhand selbst in einen Kurs eingebucht hat, mit seiner Tanzpartnerin wohlgemerkt! Ich muss sagen, das funktioniert sehr gut bei uns. Montags hat Papa Tangounterricht, donnerstags geht Mutti zur Milonga und wenn es sich mal ausgeht, gehen wir gemeinsam Sonntagnachmittag auf einen Tangokaffee mit den Kindern. So kommt kann sich jeder auf eigene Faust entdecken und entfalten, wir kommen uns nicht in die Quere und sparen uns sogar die Kosten für die Babysitterin.

Zugegeben, hin und wieder beäuge ich sie schon ein wenig neidisch, die sich zum Wochenende hin mehrenden Beiträge in diversen social media Grüppchen über besonders angesagte Tanzlocations, workshops, etc. Wenn mir Donnerstagabend jemand was über eine Milonga vom nächsten Samstag erzählt, verdrehe ich mitunter auch demonstrativ die Augen. Denn im Gegensatz zu den vielen entweder noch jungen U30 oder jung gebliebenen Ü40, den unverheirateten oder schon wieder geschiedenen, oder sonstwas Tangueras und Tangueros stecke ich gerade in der heißen Phase des Mitt-30iger Lebens, und da heißt es am Wochenende nicht „Dance all night, sleep all day“ sondern „Sleep all night, entertain your kids all day“! Andererseits, was kann es Schöneres geben, als von einer durchtanzten Tangonacht heimzukehren und mich in ein vorgewärmtes Bett zu meinen drei Lieblingsmenschen zu legen.

Eben weil meine Tangozeit vergleichsweise knapp bemessen ist, freue ich mich außerordentlich über die seit Kurzem in meiner Tangoschule des Vertrauens monatlich stattfindenden Frauentechnikworkshops. Was man da so lernt? Etwa in jeder Lebenslage eine stabile Position zu finden. Gutes Motto, kann ich als Mutter gut gebrauchen. Zum Beispiel wenn der Kleine gerade mit einem Bein auf dem wackeligen Stuhl balanciert und gleichzeitig die Kartoffelpuffer in der Pfanne anbraten. Oder Achten in den Boden drehen. Super Sache! Mache ich das nächste Mal, wenn mir die Große zum Millionsten Mal die skandalösesten Ungerechtigkeiten aus ihrer Kita darlegt oder einfach mal wieder Null Bock zum Aufräumen hat. Einatmen – ausatmen – Achten in den Boden drehen. Ganz genau! Aber jetzt mal ernsthaft. Diese kurzen Übungssequenzen, die ich vom letzten Workshop mit nach Hause genommen habe, die vollbringen schon in kürzester Zeit wahre Wunder. Meine neuerdings unerschütterliche Achse wurde während der letzten Donnerstagsmilonga von einem mir bis dato unbekannten Herrn sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen. Schnurrr. Daher möchte ich diese einfachen aber durchaus effektvollen Übungen gerne an die Tango-Mütter-community weitergeben. Freut Euch auf „Tango up your kitchen!“. Hier zeige ich Euch in Kürze einige knappe Sequenzen meiner allmorgendlichen Übungseinheiten. Geringfügige Schwankungen und Ungenauigkeiten seien mir bitte vorab verziehen, es ist ja schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen!

Übrigens, auch in der Disziplin des Tangoführens bin ich ein klein wenig vorangeschritten – im wahrsten Sinn des Wortes! Mein Erwachen als Tangoführerin könnt ihr einem meiner vorherigen Beiträge entnehmen. Inzwischen bin ich neben des einfachen Gehens und Stoppens auch des Grundschrittes mächtig, schau an, schau an!

 

2 Antworten auf “„Kinder, die Rivalen des Tango?“”

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