Und führe uns nicht in Versuchung

Oder: oooch, ich mach‘s auch nur einmal… oder: wieso sich der Blick auf die andere Seite definitiv lohnt!

Letzten Sonntag war es soweit. Zum ersten Mal führte ich mit stolzer Brust eine mir gegenüber platzierte Person über das Tanzparkett. Bislang hat mich die Vorstellung daran, beim Tanzen nebst meinem Partner und Musik auch noch auf Tanzschritte und den Gegenverkehr achten zu müssen, hochgradig abgeschreckt. Meine Rolle im Tango beschränkte sich bislang auf ein gewisses Maß an  Konzentration auf die Musik sowie den Körper meines vis-à-vis. Gedanken über falsche Schritte und äußeres Erscheinen – unerwünscht. Zugegeben, das Einprägen komplizierter Schrittfolgen habe ich gerne meinem Tanzpartner überlassen, um mir diese dann in Folge nach und nach ertanzen zu können. Mit dem Resultat, dass ich mitunter gar nicht mehr zuhörte und nur ungeduldig auf die nächste Selbst-ausprobier-phase wartete. Vielleicht nicht die beste Strategie, denn als ich nach dem x-ten Mal wieder keine Ahnung hatte, was gerade dran war, erntete  ich zu Recht ein saftiges: „Du bist so ignorant!“. Gut, ich habe dann versucht, dem Unterrichtsgeschehen wieder besser zu folgen, auch wenn ich immer noch der Meinung bin, dass ich das als Folgende doch alles gar nicht so genau wissen muss.

Jedenfalls habe ich mir über das Führen keine Gedanken gemacht. Bis mir bei der ersten Milonga nach meiner langen Mutti-Pause ein Zettel am Toilettenspiegel ins Auge stach. „Führen für Frauen (Einführung)!!!!“ stand da auf einem Blatt, auf die Schnelle handschriftlich hingerotzt.

Und siehe da – wie als ob sich durch die lange Tangopause etwas gelöst hat, schien mir das Führen plötzlich nicht mehr abwegig. Hat vielleicht die Distanz zum aktuellen Tangogeschehen meine Führphobie vertrieben? Oder hat etwa die Geburt von Nummer 2 den Testosteronspiegel meines Hormonhaushalts in ein führungsbegünstigendes Verhältnis gebracht? Wie auch immer, es galt diese Neugierde zu stillen um meine Thesen zu überprüfen. Und daher habe mich tags drauf flink für genau diesen Workshop eingeschrieben.

18 Damen erschienen an besagtem Nachmittag. Darunter einige, die bereits über beträchtliche Führungsqualitäten verfügten, aber auch manche, die den Tango erst vor kurzem für sich entdeckt haben und wiederum andere, die schon eine ganze Weile dabei sind und einfach mal was Neues ausprobieren wollten. Eine Sache jedoch hatten alle gemein: Sie wollten unabhängig werden! Denn, wer führen kann, dem stehen nicht nur 1/3 der Tänzer zur Verfügung, nein, wer führen kann, der schöpft aus den vollen 100%. Der Theorie nach zumindest.

Erhobenen Hauptes navigieren sich die Damen gegenseitig durch den Saal. Zunächst schreitend, je nach Tempo vorsichtig bis draufgängerisch. Später kommen erste Manöver zum Vorschein. Stoppschritte, Seitenschritte, erste Drehungen. Unglaublich, es funktioniert! Wie ist das spannend endlich das Ruder selbst in die Hand nehmen zu können. Ich muss zugeben, das fühlt sich sehr gut an. Davon brauche ich unbedingt mehr! Die Zeit vergeht in Windeseile, noch zwei  letzte Tangos bevor uns die Tanzlehrerin entlässt. Jedoch nicht ohne den Hinweis, das Gelernte in der nächsten Milonga direkt umzusetzen!

Gesagt – getan. Statt der High Heels schlüpfe ich zum nächsten Tanzabend in flache Sandalen. Ist zwar nicht ganz so schick, dafür aber trittsicher. Und schnappe mir eine Dame. Eine, die ebenfalls an dem Workshop teilgenommen hat. Wir sind beide ultranervös. Statt 18 Personen sind nun eher gefühlte 80 Personen auf der Tanzfläche. Gleich wird sich zeigen, ob mir mein Musikgefühl auch in brenzligen Situationen treu bleibt, oder ob wir zu zweit wild auf den Tangowogen hin und her geschaukelt werden. Na gut, erstmal in Startposition begeben. Und wer steht jetzt auf welcher Seite? Und wo müssen die Arme nochmal hin? Einatmen, ausatmen. Den Takt spüren. Und los geht’s. Die ersten Schritte kommen etwas holprig daher. Und schon muss ich wieder abbremsen, denn die Tanzpaare vor mir bewegen sich nicht von der Stelle. Wie komme ich gleich in den Wiegeschritt? Aus dem Takt gekommen, verdammt! Also noch mal von vorne. Inzwischen sind vor mir wieder ein paar freie Meter und ich kann ein paar weitere Schritte wagen. Huch, fast wären wir von rechts gerammt worden. Geht das hier wild zu. Langsam wird mir ziemlich heiß. Aber irgendwie schaffe ich es, meine Tanzpartnerin durch das ganze Stück zu führen, ohne zu kollidieren.

Nachdem wir dann noch dreimal die Rollen getauscht haben, begeben wir uns ziemlich erschöpft auf unsere Plätze. Nun ja, für den Anfang ganz OK, aber so richtig zufrieden sind wir beide noch nicht. Dennoch, wir versprechen uns, nächste Woche weiterzumachen.

Mit Tanzpartnerin Nummer Zwei klappt es gleich ein bisschen besser. Vielleicht liegt es daran, dass sie einfach nur froh ist, endlich zum Tanzen aufgefordert zu werden. Vielleicht auch daran, dass es ihr ziemlich egal ist, was die Leute um uns herum denken. Jedenfalls macht sie mir Mut, indem sie mir mit geschlossenen Augen und einem Lächeln im Gesicht folgt. Dass sie meinen Tanzstil abschließend als dominant bezeichnet, fasse ich dann einfach mal als Kompliment auf. Das ist doch als Führende genau das, was man sein möchte, oder? Aber darüber kann ich mir ja in den kommenden Wochen noch klar werden. Für mich zählt jetzt erst mal, dass ich es getan habe. Ich habe meine ersten Tandas als Führende absolviert. Und jetzt weiß ich, ja, Führen ist gar nicht so leicht, aber schon ziemlich cool!

5 Kommentare zu „Und führe uns nicht in Versuchung

Gib deinen ab

  1. Ich bin seit einer Woche mit im Club. Und ich kann meine stolpernden Schritte noch spüren. Zwei Sachen fand ich bemerkenswert: ich habe mich die ganze Zeit unglaublich verantwortlich für meine Folgende gefühlt, bei Missverständnissen habe ich immer geguckt, wie ich deutlicher werden kann oder was ich von der Antwort meiner Folgenden aufnehmen und umsetzen kann – und das haben meine Führenden (Herren….) zu 100% NICHT gemacht, da ist alles immer MEIN Fehler. Ist das genetisch oder liegt es daran, dass Folgende anders führen?
    Das zweite, was ich gemerkt habe war, dass ich viel mutiger und freier bin, wenn die Musik mich treibt. Bin kein Freund von EdO-Musik, und im Zusammenhang mit dem Führen für Folgende-Workshop gab es auch eine „Alternative Milonga“ – und kaum wurde ein Tango gespielt, den ich liebte und der mich trieb, konnte ich plötzlich viel mehr führen. Als ob mein Körper meiner Folgenden sagt: „Also ich habe Lust zu tanzen, machst Du mit?“ Das fand ich spannend.
    Ich hab deinen Bericht gerne gelesen und lese jetzt wohl weiter auf Deinem Blog! Viel Erfolg weiterhin!!!

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