Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

oder: Wieso Tango?

Dem Tango werden viele Eigenschaften zugeschrieben. Sexuell soll er sein und aggressiv. Erotische Leidenschaft, Sehnsucht und Melancholie werden ihm nachgesagt. Große Gefühle, die vor allem an Hollywood erinnern, oder an schnulzige, asiatische Seifenopern. Aber ist denn jeder Tangotänzer, jede Tangotänzerin ein einsamer Wolf, der seinen Gefühlen mittels verführerischer Posen Ausdruck verleiht? Nun ja, der ein oder andere Möchte-gern-Don-Juan ist mir tatsächlich schon begegnet, aber die wirklich schönen Tänze, die das Herz berühren, habe ich bislang mit unscheinbaren, oftmals zurückhaltenden Menschen erlebt. Wie der Tango getanzt wird, ist dabei überraschend unterschiedlich, wie er erlebt wird auch. Die Beweggründe welche den Einzelnen antreiben zu tanzen, sind wohl ähnlich vielfältig sein.

Was mir persönlich am Tango gefällt, ist die völlige Hingabe, das Loslassen der Zügel, das Spüren der eigenen Körperdrehungen in fremden Armen. Den Geist ausschalten und der Musik folgen. In welcher Form die Musik in Bewegung übertragen wird, hängt dabei überwiegend vom Tanzstil des, der Führenden ab. Die Musik ist sehr abwechslungsreich, denn beim argentinischen Tango gibt es verschiedene Taktarten und Tempi, das macht seinen besonderen Reiz und seine besondere Schwierigkeit aus. Das schwierigste ist das gemeinsame Gehen, manche Paare brauchen dafür Jahrzehnte. Als junge Frau jedoch, die selten lange auf den nächsten Tanz warten muss, durfte ich das Tangotanzen glücklicherweise schneller lernen und erspüren.

Getanzte Einsamkeit

Der argentinische Tango ist ein Tanz, der vor etwa 150 Jahren in Argentinien und Uruguay entstanden ist. Dorthin zog es zwischen 1880 und 1930 rund 6 Millionen Einwanderer aus Europa, die sich angelockt von großen Einwanderungsprogrammen der argentinischen Regierung ein besseres Leben erwarteten. In Südamerika gelang es vielen jedoch nicht, Fuß zu fassen und unzählige emigrierte Arbeiter lebten deshalb arbeitslos in großen Städten wie Buenos Aires. Dort mangelte es ihnen an allem: kein Geld, keine Familie, keine Arbeit, keine Zukunftsperspektiven und zu allem Unglück fehlte es auch noch an Frauen. Die Männer begannen daher in Bordellen miteinander und mit den Prostituierten zu tanzen. Der Tanz, der dabei entstand, machte sich ihre ganze Einsamkeit und Sehnsucht zu Eigen und wurde mit der Zeit zu dem Tango, den wir heute kennen.

Kein Wunder, dass die feine Gesellschaft einen Tanz, der aus einem Milieu der Kleinkriminalität, Prostitution und Verzweiflung hervorgegangen war, erst als anrüchig abtat. Erst als im Laufe des 20 Jahrhunderts berühmte Tango-Sänger und Komponisten wie Carlos Gardel oder Astor Piazzolla überall bekannt wurden und die Welt von einem ungeheuren Tango-Wahnsinn ergriffen war, konnte sich auch die Upper Class nicht mehr gegen den Tango sträuben.

Electro und Bandoneon

Mit einigen Unterbrechungen hält dieser Tango-Wahnsinn bis heute an. In den 150 Jahren seit seiner Entstehung haben sich neue Stilrichtungen entwickelt. Viele Tangotänzer tanzen heute den Tango Nuevo (oder Neotango). Dabei wird die charakteristische „Tangoumarmung“ aufgebrochen, die enge Tanzhaltung bewusst geöffnet, damit sich die Tänzer anschauen können und Elemente und Schritte aus anderen Tänzen eingearbeitet. Beim Tango Nuevo wird traditionelle Tangomusik mit moderner Musik gemischt, man hört also die Klänge des Bandoneons neben Electro Beats.

Erwartungsvolle Gemüter

Was also bewegt eine junge Mutter allwöchentlich auf einer Tanzveranstaltung zu erscheinen, auf welcher unverhohlen sentimentaler Musik des vergangenen Jahrhunderts gefröhnt wird? Ganz klar – die Möglichkeit einzutauchen in eine Atmosphäre, die im modernen Leben so nur noch selten existiert. Versinken in einen Ort, an welchem die Lust an inniger Verbindung offen und unverschleiert ausgelebt wird. Wo Anspannung und Aufgeregtheit in Wonne und Behagen münden, wo sich erwartungsvolle Gesichter begegnen und selige, berauschte Körper nach einer hingebungsvollen Viertelstunde wieder trennen. Vollkommen im Moment, gemeinsam in sich weilend, weich und sanft.

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